Tanja Viskari – als Erasmus+-Praktikantin an der BBS Speyer

Alles hat einmal ein Ende. Und so ist es an der Zeit, sich von Deutschland zu verabschieden und zurück nach Finnland zu fliegen. Die 6 Monate, die ich an der BBS Speyer verbracht habe, um mein Erasmus+ Praktikum zu machen, waren sehr produktiv und ich freue mich, dass ich mit neuen Ideen, Erfahrungen und Geschichten heimkehren kann. Aber was habe ich eigentlich gemacht und gelernt? Warum wollte ich überhaupt in Deutschland ein Praktikum machen? Wie finde ich Deutschland und Deutsche? Diese Frage beantworte ich jetzt.

Eine Fahrt ins Blaue

Im Herbst 2016 saß ich vor meinem Computer an der Uni und dachte, was ich nach dem Uni-Abschluss machen möchte. Eigentlich wollte ich noch nicht mit meinem Studium fertig werden, weil ich fühlte, dass ich nicht fertig war und wusste nicht, ob ich die richtige Wahl gemacht hatte: Will ich wirklich eine Lehrerin werden, habe ich die richtigen Sachen studiert und bin ich gut genug? Dann hatte ich eine Idee, noch ein Praktikum zu machen, weil es während des Studiums einfacher wäre und dann würde ich auch Studienpunkten dafür bekommen. Nachdem ich nach einigen Alternativen in Finnland gesucht hatte und es schwierig fand, etwas Gutes zu finden, habe ich mich über das Erasmus+-Praktikum informiert. Ich hatte schon lange darüber nachgedacht, im Ausland zu studieren oder zu arbeiten – vielleicht würde das jetzt wahr werden? Danach habe ich nach Praktikumsstellen im Internet gesucht und eine gefunden, die gut zu werden verspricht und die auch etwas mit Sprachen und Lehren zu tun hatte. Dann habe ich einige E-Mails mit meinen schlechten Deutschkenntnissen geschrieben und – ein „Ja“ bekommen! Ich gehe nach Deutschland, genauer gesagt in eine berufsbildende Schule in einer Kleinstadt Speyer, um von einem Erasmus-Projekt und Fremdsprachunterricht zu erfahren – alles Orte und Sachen, die neu für mich waren. Und es bedeutete auch, dass ich 6 Monate alleine leben und nach 8 Jahren wieder Deutsch sprechen sollte – Huch [Yikes]!

Erste Eindrücke              

Am 6. Januar habe ich mich von meinen Freund in Finnland verabschiedet und 3 Stunden später hat mein Flugzeug den deutschen Boden erreicht. Bevor ich nach Speyer mit dem Zug gefahren bin, hatte ich das ganze Wochenende Zeit, Frankfurt zu besichtigen, was wie es sich später herausgestellt hat, zu lange für winterliches Frankfurt war: Denn Frankfurt hat mir gar nicht gut gefallen. An diesen Tagen habe ich mich an eine Aussage des finnischen Sportlers, Seppo Räty, und die jeder in Finnland kennt, erinnert: „Saksa on paska maa“, „Deutschland ist ein doofes Land“. Nach dem kalten und regnerischen Wochenende in Frankfurt hatte ich Angst davor, dass er Recht hatte. Was ist dieses graues, humorloses Land, wo ich sogar an den Supermarktkassen kein Lächeln gesehen hatte (wo ist die Höflichkeit?)! Wenn meine Züge über 45 Minute Verspätungen hatten, dachte ich, dass auch die berühmte Pünktlichkeit leider nur eine moderne Legende ist… Aber dann bin ich in Speyer angekommen und meine Meinung hat sich verändert.

Non scholae sed vitae

Ich muss zugeben, dass die ersten paar Monate sehr schwer waren. Ich bin jeden Tag in die Schule gekommen und dann nach der Schule zurück nach Hause gegangen. Ich habe nur Nudeln gegessen, hatte Heimweh und hatte keine Lust, mich umzuschauen. Ich hatte Angst, in den Supermarkt zu gehen und Deutsch zu sprechen. Ich fühlte mich dumm und habe mich geschämt, wenn ich keine richtigen Wörter im Kopf hatte. Immer noch fühle ich mich manchmal sehr dumm, aber jetzt habe ich gelernt, mit mir ein bisschen gnädiger zu sein. Ich habe auch viele andere ”life skills” und viele Sachen über mich selbst gelernt. Dies finde ich eine der wichtigsten Ergebnisse meines Praktikums. Je weniger ich mir Sorgen und Stress gemacht habe, desto mehr habe ich mich in Deutschland und in der Schule wohl gefühlt. Als noch der Frühling kam und die Sonne schien, bin ich auch neugieriger geworden, die Umgebung zu besichtigen, und hatte mehr Lust, die Freizeit mit meinen neuen Freundinnen zu verbringen.

Die Erfahrung, im Ausland zu leben, finde ich sehr wichtig für meine zukünftigen Pläne als Finnischlehrerin. Die Schüler und andere Lernenden, denen ich hoffentlich später Finnisch beibringen darf, sind umgezogen oder geflüchtet und sind in einem neuen Land. Wahrscheinlich fühlen sie sich einsam und unsicher, weil die Sprache und die Mentalität für sie neu sind. Vielleicht kann ich dann ein bisschen besser verstehen, was für ein Gefühl sie durchleben.

Ich bin sehr dankbar, dass ich unter anderem so viele wunderbare Menschen hier kennengelernt habe, mit den Maßschneider/innen nach Spanien mit dem schulischen Erasmus+-Projekt reisen durfte, Fremdsprachenunterricht anschauen und eigene Stunden vorbereiten konnte. Ich freue mich besonders darüber, dass ich mit den Schülern in einer Kleingruppe Deutsch beibringen konnte, trotz meiner fehlerhaften Sprachkenntnisse. In diesen Stunden habe ich so talentvolle Schüler und Schülerinnen und ihre Lebenswege kennengelernt. Dieser Unterricht haben mir Mut und Motivation für meine Selbstentwicklung als Lehrerin gegeben. Lehren ist was ich in der Zukunft machen will.

 ”Deutschland ist ein doofes Land”- stimmt gar nicht

Was ich noch herausgefunden habe, ist dass Deutschland und Deutsche nicht grau und humorlos sind – ganz im Gegenteil. Ich sehe ein Land mit freundlichen, frohen und in Wirklichkeit „chilligen“ Menschen, die wissen, wie sie das Leben genießen können. Die Städte sind lebendig und Häuser haben verschiedene Farben, Dekorationen und Formen, also es gibt nicht so viele hässliche Kästen wie in Finnland. Das Essen und Bier sind billiger als in Finnland und außer den schwermütigen Menschen an den Kassen  sind die anderen sehr freundlich. Natürlich weiß ich, dass es hier nicht nur Spiel und Spaß ist, aber mittlerweile sehe ich in Deutschland viel Gutes, das ich nach Hause mitnehmen möchte – zum Beispiel habe ich mich zuerst fast zu Tode erschreckt als jemand mich auf der Straße grüßte (das macht eigentlich niemand in Finnland) aber jetzt finde ich das super! Oder das Leben in der Pfalz? Das soll man mal erleben!

Schließlich möchte ich allen Kolleg/innen und Schüler/innen danken, den Lehrer/innen, die mir im Alltag und in der Schule geholfen haben. Den Klassen, die ich kennenlernen durfte.
Ich wünsche euch allen viel Erfolg im Leben. Träumt, folgt euren Träumen und habt Spaß dabei. Zusätzlich möchte ich noch empfehlen, die Welt zu sehen und im Ausland zu wohnen. Ich versichere euch, dass ihr viel über Sprachen, euch selbst, andere Menschen und erstaunlicherweise über euer Heimatland lernen werdet. Ihr werdet es nicht bereuen.

 Ich wünsche allen entspannte Sommerferien und neue Energie für das nächste Schuljahr! Hölkynkölkyn! Prost!

Tanja Viskari im Juli 2017

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