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Die heilige Johanna der Schlachthöfe von Bertolt Brecht

Von Nesrin Akpinar, BOS2 2016

Eine Inszenierung von Georg Schmiedleitner am Mannheimer Nationaltheater 12.03.2016

Vor fast 100 Jahren wurde das Werk von Stückeschreiber Brecht unter dem Eindruck der Weltwirtschaftskrise verfasst. Gibt es auch heute noch viel darüber zu reden?  

Von einem Tag zum anderen werden Tausende von Arbeitern an das Existenzminimum gedrängt, weil sich die Chicagoer Fleischfabrikanten einen erbitterten Machtkampf liefern. Pierpont Mauler, der ungekrönte Fleischkönig der Chicagoer Schlachthöfe ist der reichste und raffinierteste unter den Fleischfabrikanten. Wenn er einen überraschenden Coup landen möchte, gibt er vor, humanitären Empfindungen nachzugeben, während er in Wahrheit immer den eigenen Vorteil im Blick behält. Durch dieses Stilmittel entsteht ein Eindruck vom Showcharakter seines Verhaltens sowie von der Gespaltenheit eines Individuums, das moralisch und profitorientiert zugleich handeln will. Boris Koneczny vermittelt ihn als sensiblen Wirtschaftsautokraten, der dafür nicht nur gefeiert, sondern auch geliebt werden möchte.

Georg Schmiedleitner schafft mit seinem Schauplatz, einem Kinosaal, ein gewohntes Bild für den Zuschauer. Ein altmodisches Kino, das Schwarz-Weiß-Bilder auf die Leinwand projiziert. Altmodisch wirkt auch die Kleidung der schwarzen Strohhütte, die Wohltätigkeitsorganisation, der Johanna Dark angehört. Die kleingewachsene, anfänglich naive Johanna, die mit ihrer ersten Rede kaum Hörer erreicht, wird später zur Klassenkämpferin. Fräulein Dark macht es sich zur Aufgabe, Mauler – in dem sie eine verlorene Seele sieht – von ihrem Glauben, ihrem Idealismus und ihrer Vorstellung von einer besseren Welt zu überzeugen. Dabei wird die sie von Mauler unfreiwillig zu seinen Zwecken ausgenutzt. Die beiden entwickeln eine besondere Beziehung zueinander und wir werden Zeugen eines unvermittelten Kusses der völlig konträren Persönlichkeiten.

Durch die Stilmittel des epischen Theaters bietet uns die Drehbühne verschiedene Perspektiven auf die Inszenierung, beispielsweise die Gespräche Maulers mit seinem Makler Slift, wo wir die Erkenntnis erlangen, dass sein wirtschaftlicher Erfolg auf einen engen Draht zur Wall Street zurückzuführen ist. Slift, gespielt von David Müller, sticht nicht nur durch seinen blauen Designer-Anzug und seine roten Schuhe heraus, durch seine Gerissenheit lässt er die anderen im Fleischbusiness dumm dastehen, weshalb sie auf der Bühne mit Ochsenköpfen dargestellt werden. Der Schauspieler hebt sich durch seine starke Darbietung sehr von den anderen Mitwirkenden ab. Das Bühnenbild mit seinen visuellen Effekten, die digitale Anzeigetafel des Fleischmarktes, die permanent läuft und den Crash des Fleischmarktes in roten Lettern zeigt, sind die Stilmittel, die das kapitalismuskritische Stück wunderbar in die heutige Zeit versetzen, da man sich an die Schuldenuhr oder an den Countdown einer Zeitbombe erinnert fühlt.

Das Proletariat wird zum Opfer der Machtkämpfe unter den Fleischgiganten. Die Arbeiter, klischeehaft dargestellt in einfachen Lumpen, streiken, eine Revolution beginnt. Inmitten der Revolution, die im Keim erstickt wird, unter anderem weil Johanna die Arbeiter aufgrund ihrer pazifistischen Überzeugungen und Ressentiments gegenüber den Kommunisten verrät, gelingt es den Militärs, die Fleischhöfe zu stürmen. Schüsse fallen, Menschen sterben. Johanna, für die
Anne-Marie Lux eine starke Besetzung ist, stirbt letztlich elendig an einer Lungenentzündung.

Am Ende gibt es eine große Party, obwohl es nichts zu feiern gibt. Die Leinwände zeigen fröhliche Disney-Figuren, die seit jeher als Sinnbild für die weltweite kulturelle Hegemonie des westlichen Kapitalismus gelten. Erst kommt das Fressen, dann die Moral. Die Arbeiter sind gezwungen willkürlich festgelegte Löhne zu nehmen, sofern sie eine der wenigen Stellen ergattern. Mit ,,Johanna Delight“ erscheint eine Dose Büchsenfleisch im Pop-Art-Look – damit wird eine Konsumgesellschaft parodiert, die es schafft, selbst aus ihren vehementesten Kritikern und erbittertsten Feinden noch Kapital zu schlagen, indem sie deren Beliebtheit nutzt und diese vermarktet. Man fühlt sich erinnert an Che Guevara, dessen Portrait auf unzählige T-Shirts und andere Merchandise-Artikel gedruckt wurde – und der so unfreiwillig vom kommunistischen Revolutionär zur Pop-Ikone des Massenkonsums wurde.

Die Inszenierung von Schmiedleitner am Mannheimer Nationaltheater zeigt – ganz im Geiste Brechts – ein Problem der kapitalistischen Gesellschaft auf: Den Widerspruch zwischen idealistischer und religiöser Moral, der propagierten Nächstenliebe und der Verwertungslogik des kapitalistischen System, das wirklich ethisches Handeln für alle seine Akteure – die Gewinner wie die Verlierer gleichermaßen – unmöglich macht. Wie Adorno gesagt hat: „Es gibt kein richtiges Leben im Falschen.“ Ebenfalls wird deutlich, dass hinter scheinbar edlen Motiven oft nichts als knallhartes Kalkül steckt. Durch die Vielfalt der Figuren entsteht eine interessante Darstellung und auch optisch hat die Inszenierung viel zu bieten. Ein Bühnenbild mit Gegenwartsbezug hilft die noch immer aktuelle Botschaft von Brecht in die heutige Zeit zu übertragen. Trotz anfänglicher Längen in der zweistündigen Inszenierung bleibt das Stück eine spannende Angelegenheit.

 

https://www.nationaltheater-mannheim.de/de/schauspiel/stueck_details.php?SID=2271