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Großes Kino in der Wirtschaftskrise

Von Claudia Castronovo, BOS 2 2016

Die heilige Johanna der Schlachthöfe im Nationaltheater Mannheim 12.03.2016

Georg Schmiedleitner inszeniert Bertolt Brecht

Das epische Drama „Die heilige Johanna der Schlachthöfe“ von Bertolt Brecht wird im Bücherregal vieler Schüler vorzufinden sein, da sie es für den Deutschunterricht benötigen, um wirtschaftliche und religiöse Aspekte nach Brechts Sicht zu analysieren. Nun wird die damalige Wirtschaftswelt im Nationaltheater in Mannheim vorgeführt, um eine bessere Vorstellung derselben durch die bildliche und künstlerische Veranschaulichung des Themas durch Darsteller zu ermöglichen. Denn es ist oftmals schwer, sich die Charaktere und ihre Handlungsgründe allein durch Brechts Werk vorzustellen.

Doch kann man die Literatur auch als Inszenierung in der „heutigen Zeit“ verkaufen? Immerhin war Bertolt Brecht der Erfinder des epischen Theaters, das heißt, er wollte entsprechend dem damaligen Zeitgeist das kritische Mitdenken der Menschen stärken, so dass sie sich über das gespielte Stück Gedanken machten, und nicht einfach das hinnahmen, was ihnen gerade vom Regisseur verkauft wurde.

Gleich zu Beginn des Stückes fällt das Bühnenbild durch Riesenleinwand und drehbarem Kinosaal auf. So kann man durch Drehen der Kulisse auch hinter die Leinwand sehen und private Momente Maulers, wie zum Beispiel die Besprechung der neuen Zollgesetze, mitverfolgen.

Zu Beginn des Stückes schmeichelt die große Bühne Johanna, dargestellt durch die eher klein gewachsene Anna-Marie Lux, nicht sehr, da sie sich sogar strecken muss, um an das Mikrofon zu gelangen. Darüber hinaus scheint sie sich im Laufe des Stückes trotz ihrer selbstsicheren und lauten Art, die mit Arroganz verwechselt werden kann, selbst ins Aus zu schießen, da sie denen, die Hilfe brauchen, am Ende des Stückes in den Rücken fällt und so eine Änderung des Systems im letzten Moment verhindert.

Das wiederum spielt den Kapitalisten in die Hände, denn durch Johannas „Hilfe“ bleiben sie an der Macht und können die Arbeiter weiterhin ausbeuten. Als Dank für ihre Taten widmen sie Johanna sogar eine Special Edition ihres Büchsenfleisches. Dies zeigt Schmiedleitner humorvoll mit dem Abschlussbild von Johanna auf der Dose unter musikalischer Begleitung des Songs „Dream a little dream of me“.

Als weiterer Charakter steht Boris Koneczny als Pierpont Mauler auf der Bühne. Dieser hat im Buch zwar eine tragende Rolle, doch in dieser Inszenierung kommt ihm nur eine eher unscheinbare Rolle zu. Dabei fällt auf, dass in Wirklichkeit der Makler Slift, seinerseits im Buch eher unscheinbar, zu Höchstform aufläuft. Durch seinen extravaganten Kleidungsstil, der sich durch einen blauen Anzug und knallig orangefarbene Schuhe ausdrückt, hat David Müller (Slift) nicht nur im übertragenen Sinne die Hosen an. Er demonstriert diese Macht jedoch erst am Ende des Stückes und wirkt zuvor eher als Zuschauer, der sich über die Probleme der anderen amüsiert. Slift überzeugt mit seiner Gerissenheit und zeigt, wie der heutige Markt und die Menschen um den Finger gewickelt werden und lässt Mauler als Marionette in seiner Hand aussehen, was Schlüsse auf die heutige Marktsituation ziehen lässt, da auch heute die Fäden eher im Hintergrund gezogen werden.

 

Was der Inszenierung leider einen kleinen Abbruch tut, ist die fehlende Interaktion zwischen den Schauspielern, die eher darauf bedacht sind, sich dem Publikum zu widmen. So schaut beispielsweise Johanna bei einem Gespräch mit Mauler ins Publikum, statt sich ihrem Gesprächspartner zuzuwenden.

Des Weiteren fällt auf, dass Maulers wesentliche Rolle im Werk Brechts in der Inszenierung von Georg Schmiedleitner ein wenig in den Hintergrund rückt. Dies kann unter anderem an Boris Konecznys eher unzugänglichen Darstellung liegen oder aber daran, dass Slift, wie bereits erwähnt, etwas dominanter in Erscheinung tritt, als man das vom Werk erwartet hätte – David Müller geht in der Rolle des Slift jedoch so sehr auf, dass man gerne über Maulers Unauffälligkeit hinwegsieht, seine Darstellung ist packend und unterhaltsam.

Insgesamt wird das Schauspiel so verkörpert, dass man sich in die Lage der Charaktere und in die jeweiligen Situationen sehr gut hineinversetzen kann. Schmiedleitner birngt uns die pure Wirklichkeit vor die Kinoleinwand, die man auf der heutigen Kinoleinwand eher nicht findet. Mit dem Nutzen moderner Technik schafft Schmiedleitner es, „Die heilige Johanna der Schlachthöfe“ zeitgemäß umzusetzen und auch junge Zuschauer mitzureißen. Eine gelungene Inszenierung, die beweist, dass das Stück immer noch bühnentauglich ist, und wesentliche Aussagen des Werks, trotz einiger kleiner Abänderungen, vermittelt.

 

https://www.nationaltheater-mannheim.de/de/schauspiel/stueck_details.php?SID=2271