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Generation Smartphone: #läuftbeiuns?

Essay von Christopher Gaß (HBF1 FuB / 2015)

Als ich heute in meiner Schule gerade den Weg in die Pause antreten wollte, fing mich auf dem Gang noch eine meiner Lehrerinnen ab, die nur lachend den Kopf schüttelte und sagte: „Typisch Generation-Kopf-unten!“ Selbstverständlich hatte ich, während des Laufens den Blick nach unten auf mein Smartphone gerichtet und hatte meine direkte Umwelt für diesen Moment mal wieder ausgeklammert. Sie hätte mir laut Schulordnung das Mobiltelefon abnehmen müssen, tat dies zu meinem Glück allerdings nicht. Ich fing anschließend an, über das von ihr Gesagte, etwas vor mich hinzuphilosophieren. Es kamen Fragen auf wie: Ist es wirklich so schlimm, bin ich wirklich handysüchtig? Kann ich den Handykonsum noch kontrollieren, oder wie sieht es bei der jungen deutschen Gesellschaft im Allgemeinen aus?

Es ist ein häufig auftretendes Problem und Phänomen meiner Generation: Die imaginäre Sucht nach Smartphonenutzung oder Internetzugang. Man erhofft sich hierbei häufig einen Ausweg aus der aktuellen Realität, hin zu einer virtuellen Welt, in der man Unterhaltung durch Spiele, Videos und dergleichen findet. Die Wenigsten nutzen es tatsächlich regelmäßig zur Bildung. Allerdings stehen in der Regel der Kontakt und die Interaktion mit dem jeweiligen sozialen Umfeld im Vordergrund.

Beispielsweise hat man 500 „Freunde“ auf Facebook. Das heißt man kennt 500 Leute und kann ihnen und ihren Freunden je nach individuellem Wunsch mehr oder weniger Informationen preisgeben oder Dinge und Momente mit eben diesen teilen. In der Regel ist es so, dass man nur mit einem Bruchteil seiner Freundesliste tatsächlich befreundet ist. Ich meine damit natürlich, dass man sich auch im „real life“ begegnet und so weiter. Warum dann also Dinge von sich preisgeben, die im „worst case“ auch gegen einen verwendet werden oder negative Folgen haben könnten, wie wenn z.B. ein potentieller Arbeitgeber das Foto von dir während der letzten Party sieht, vor der du schon ordentlich vorgeglüht, geraucht oder ähnliches getan hast. Mein Vater sagt dazu meistens: „Was ins Internet gelangt, wird dies auch nicht mehr verlassen, also pass auf, welche Informationen du von dir preisgibst!“

Eine vielleicht recht konservative Einstellung, doch im Kern stimme ich ihm zu. Mein Vater kennt es eben auch noch anders. Er wuchs auf dem Dorf auf und ich bekam schon einige Geschichten darüber zu hören, was er im Wald oder im nahen Bach für Dinge erlebt hat. Er besitzt auch kein Smartphone, weil es ihn nerve, immer erreichbar zu sein und er es laut eigener Aussage einfach nicht brauche. Ich finde diesen Gedanken grundsätzlich nicht schlecht, nicht gleich auf jeder Welle mitschwimmen zu wollen. Es war doch schon immer so in unserer Gesellschaft, dass sich viele Leute mittleren oder betagteren Alters Neuem verschließen.

So war es beispielsweise schon im 17. Jahrhundert anfangs ungern gesehen, eine Zeitung zu lesen, man sprach von der „Zeitungssucht“ und sollte nicht immer Blicke in die Zeitung werfen, sondern lieber an beherzteren Diskussionen aktiv teilnehmen. Die „Mund-zu-Mund-Propaganda“ verlor dadurch an Bedeutung und die Unterschicht hatte mehr Möglichkeiten sich zu bilden, was wiederum der Oberschicht nicht so recht passte.

Ähnlich war es zu Beginn des 20. Jahrhunderts mit der Erfindung des Telefons. Dieses ermöglichte direkte Kommunikation zweier lokal entfernter Parteien. Hierbei sprachen die Leute anfangs von einer „Telefonitis“, womit im Wesentlichen die zunehmend schwindende Bedeutung einer direkten Kommunikation mit physischer Präsenz zu verstehen war, also das Wort einer Person verlor an Bedeutung, da man z.B. keine Handschlagsvereinbarungen über das Telefon treffen kann und es dem jeweils anderen nicht möglich ist, in die Augen zu schauen.

Die Erfindung des Fernsehens trug auch dazu bei, dass am Abend zu Hause im Wohnzimmer lieber in ein Gerät geschaut wurde, anstatt sich gegenseitig auszutauschen. Das Fernsehen veränderte das soziale Miteinander ebenso wie zahlreiche weitere Errungenschaften der menschlichen Spezies und es wird vermutlich auch immer wieder durch verschiedenste Erfindungen oder Neuerungen verändert werden.

Aber was ist das dann für eine Welt, in der meine Kinder einmal aufwachsen sollen? Will ich, dass diese einen Medienkonsum haben, der meinen vermutlich sogar noch übersteigt? Nein, sicherlich nicht. Mir würde es besser gefallen, wenn sie sich mit Freunden zum Fußballspielen verabreden oder draußen am Lagerfeuer Geschichten erzählen, wenn sie also wirklich aktiv „leben“ und nicht nur „gelebt werden“, wie schon Jesus Christus das Reich Gottes ausrief. Dies besagt, das Reich Gottes sei überall da, wo Erfüllung, Zuversicht, Nächstenliebe und Tatendrang ist. Also das genaue Gegenteil davon, mittags faul auf der Couch zu liegen und sich „Mitten im Leben“ reinzuziehen.

Diesbezüglich warnen auch viele Mediziner vor einer Gefahr für die Kinder und Jugendlichen, die grundsätzlich lieber Zuhause faulenzen, als sich tatsächlich einmal sportlich zu betätigen. Daraus resultieren fast immer gesundheitliche Probleme. Es muss ja schließlich jeder für sich selbst wissen, ob er ein übergewichtiges Kind mit Gelenkbeschwerden, Diabetes und viel zu hohem Cholesterinspielgel großziehen will.

Dennoch muss ich gestehen, dass ich selbst auch sämtliche Medien nutze und man  mich einen Großteil meiner Freizeit am Laptop sitzend im Internet surfen sieht. Mal auf der Couch vor dem Fernseher und eigentlich immer griffbereit: Mein viel zitiertes Smartphone. Dabei sollte ich es öfter hinterfragen, ob es wirklich notwendig ist, den ganzen Tag mit meinem sozialen Umfeld vernetzt zu sein und noch so wertvolle sowie interessante Informationen zu erhalten, wie das noch so leckere Mittagessen einer Freundin oder deren in regelmäßigen Abständen wechselnden Beziehungsstatus, was natürlich alles auf Facebook geteilt werden muss.

Ich sollte mich auch nicht erst nach dem NSA-Enthüllungsskandal um Edward Snowden fragen: Was könnte man über mich herausfinden, nur aufgrund der Tatsache, dass ich mein Mobiltelefon so gut wie immer bei mir habe? Die Antwort darauf ist erschreckend: Es ist möglich, mich jederzeit und überall auf der Welt zu orten. Außerdem werden ja bekanntlich sämtliche Mail-, Telefon-, oder SMS- Konversationen überwacht. Es kann sogar teilweise auf Smartphone-Kameras zugegriffen werden, auch wenn diese gerade nicht in Benutzung sind. Leben wir also tatsächlich  schon in einem Staat der totalen Überwachung? Edward Snowden als sogenannter „Whistleblower“ versuchte jedenfalls diese, wie auch viele weitere Informationen, einer breiten Masse zugänglich zu machen und vertritt diese Meinung.

Nichtsdestotrotz blieben die Proteste der Bevölkerung darauf für meinen Geschmack zu mau. Es stellt meiner Meinung nach einen viel zu großen Eingriff des Staates in die Privatsphäre des Einzelnen dar. Dies ist auch nicht durch etwaige „Anti-Terror-Maßnahmen“ zu rechtfertigen, denn auch über die Effektivität eben dieser Anstrengungen des Verfassungsschutzes oder sogar der Geheimdienste lässt sich streiten. Nicht nur im NSU-Prozess um Beate Zschäpe wird eben diesen Institutionen auch nachgesagt, versagt zu haben. Das System, so wie es jetzt ist, ist zweifellos nicht perfekt, wird es auch vermutlich nie sein. Optimierbar hingegen ist es definitiv.

Perfekt zu sein ist allerdings auch kein Attribut, mit dem sich die menschliche Spezies schmücken sollte, weil der Mensch schlicht und einfach nicht perfekt ist und dies auch keine menschliche Eigenschaft ist. Emotionen hingegen schon. Und bereits seit langem sehen Kulturpessimisten einen Kampf der menschlichen Emotionalität gegen eine immer kühler und anonymer werdende Gesellschaft, in der die virtuelle Welt eine viel zu große Akzeptanz genießt.

Ein Großteil der Kommunikation von Kindern und Jugendlichen heutzutage läuft über elektronische Geräte, größtenteils über Smartphones. Dies aber nicht nur, wenn diese voneinander weit entfernt sind. Es soll auch schon vorgekommen sein, dass sich Menschen in einem Raum über „WhatsApp“ ausgetauscht haben. Das empfinde ich als erschreckend, traurig und es stößt bei mir auch in gewissem Maße auf Unverständnis. Ist es nicht natürlicher, einfacher und ehrlicher, sich normal miteinander zu unterhalten?

Ganz zu schweigen von den Dingen , die man verpasst, wenn man immer nur seinen Tunnelblick auf einen rechteckigen Kasten fixiert. Sei es das alles entscheidende Tor im Fußballstadion oder eine Schlägerei auf dem Pausenhof, man bekommt mit Smartphone in der Hand nur noch einen Bruchteil seiner Umwelt mit. Man schießt lieber Selfies im Urlaub, auf einem Konzert und in der Schule, anstatt den Moment zu genießen oder diesen „sinnvoll“ zu verbringen.

Einige Leute posten ein Bild unter sogenannten Hashtags wie #läuftbeimirum Bestätigung und Anerkennung zu bekommen, was viele wohl nötig haben. Schließlich will und muss ja jeder Kim Kardashians wohlproportioniertes Hinterteil im Netz begutachten können. Das internetfähige Handy ist somit schon ein super Weg zur Selbstinszenierung. Ganz nach dem Motto „Es gibt keine schlechte Publicity!“ werden Inhalte geteilt, gepostet, kommentiert, geliked, für die man im echten Leben nur einen schamerfüllten, nach unten gerichteten Blick übrig hätte. Denn ich wage es zu bezweifeln, dass Miley Cyrus jedes der Bilder, die von ihr im Internet kursieren, in ihrem Familienkreis bei Kaffee und Kuchen in entspannter Runde zeigen würde. Zumindest hoffe ich doch, dass die meisten Prominenten noch wenigstens ein kleines bisschen Anstand besitzen.

Durch den Gebrauch des Smartphones im Alltag gehen viele menschliche Werte verloren oder geraten in Vergessenheit. Ich wünsche mir wieder mehr Anstand, Persönlichkeit sowie Orientierungssinn in unserem Miteinander. Man sollte sich ja schließlich auch ohne GPS halbwegs fortbewegen können, ohne ständig nach dem Weg fragen zu müssen.

Die Welt, so wie wir sie jetzt kennen, wird immer schneller, immer hektischer, immer besser vernetzt. Braucht man da nicht mal ab und zu Momente zum Nachdenken, Träumen oder um sich neu auf seine Ziele fokussieren zu können?

Letzten Endes sitzen wir ja alle im gleichen Boot. Wenn die Gesellschaft das Schiff ist, das uns alle zu unseren jeweiligen Zielen bringen soll, bleibt nur zu hoffen, dass zumindest der Kapitän seinen Job gut macht, die Kontrolle behält und seinem Smartphone nicht zu viel Aufmerksamkeit auf See schenkt. Ansonsten kann auch das größte Schiff ganz schnell sinken.