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Mode, Menschen, Missverständnisse – Ein Essay über die Fragen: Was ist Trend?, Wo kommt er her?, Wo geht er hin? und Nimmt er mich mit?

von Arved Simon, BFMS 1 / 2016

Bei der Aufgabe einen „Trendbericht“ zu schreiben, überlegt man sich natürlich erstmal, was genau zu tun ist – klar einen Trendbericht schreiben, aber was ist denn überhaupt Trend? Kataloge und Modemagazine werfen mit diesem Begriff um sich, hauptsächlich um den Kommerz, die Massenware, Fast Fashion und noch mehr Gewinn zu erhalten und ihren Profit auf die Spitze zu treiben. Doch zerstört dieser „Trend“, der ein strenges Diktat, eine steife gesellschaftliche Richtlinie ist, nicht den eigentlichen Zauber, die Freiheit und Ausdrucksstärke, die Individualität und Emotionalität der Mode?

Bild Arved

Ich will ja nicht nur Fragen stellen hier, sondern Antworten finden und den Begriff so gut es geht umreißen, aber genauso, wie sich die Frage stellt, was denn nun dieser „Trend“ ist, stellt sich auch die Frage: „Was ist diese Mode?“.

„Modus“ aus dem lateinischen bedeutet „die Art“ oder „die Weise“. Relativ vereinfacht, jedoch prägnant und aussagekräftig, kann man nun sagen, Mode sei die Art und Weise, sich zu kleiden. So übersteigt „Mode“ im weiteren Sinn auch Bekleidung und deren eher rationale Funktionalität.

Mode – im Unterschied zu Bekleidung – soll die Funktionalität nicht ausschließen, aber hinterfragen. Wenn durch Design eine Fusion zwischen Funktionalität und Ästhetik stattfindet, entstehen dadurch noch mehr Feinfühligkeit und neue Ansprüche an Komfort und Wohlbefindens des Körpers. Dies wird besonders durch das Tragen des „Designobjekts“ und durch den direkten Einbezug der sich anziehenden Person transportiert.

 

Doch wie kleidet man sich im 21.Jahrhundert, dieser schnelllebigen, unkoordinierten, vielfältigen Zeit, geprägt durch Globalisierung, Kapitalismus, Massenkonsum und Massenmedien, sowie der gewaltigen Abspaltung zwischen High Fashion und Fast Fashion? Auf der einen Seite Handtaschen, wie die legendäre „Birkin“ von Hermès, wer sich für deren Kauf entscheidet, wird auf eine Warteliste gesetzt und erhält nach mehreren Monaten, wenn nicht sogar Jahren die handgefertigte Tasche; preislich anzusiedeln lässt sich diese ab dem Wert eines Kleinwagens bis hin zu dem eines Einfamilienhauses. Sonnenbrillen von CHANEL sind oft, bevor sie die Boutique überhaupt erreichen, bereits ausverkauft; sie werden von Fashionistas vorbestellt, um auch ja eines der limitierten Modelle aus den Händen von König Karl zu erhalten. Dass besagte Sonnenbrillen oft um die fünfhundert Euro kosten, macht nichts, schließlich wird CHANEL in den nächsten Monaten die Preise wieder weiter erhöhen. Es kann also nur teurer werden, drum jetzt noch schnell zuschlagen. Andererseits bekommt man Sonnenbrillen und Handtaschen mittlerweile ja wirklich überall. Im Discounter, neben Tiefkühlpizza, Kondomen, dem guten Wodka landet hier und da auch spontan eine Handtasche im Einkaufswagen, wieso auch nicht? Für den Preis der Tasche, der in etwa so hoch ist wie ein Mittagessen bei McDonald’s  „kann man ja nichts falsch machen“, so die Überlegung. Alles wird extremer, die Preise, die Ansichten, die Lust, sowie die Ablehnung, sich der Mode zu widmen. Gibt es da irgendwie eine Verbindung zwischen High Fashion und Mode vom Discounter, der Fast Fashion?

Brauchen wir da nicht auch irgendwie eine Richtlinie, eine Brücke, Verbindung dieser Gegensätze, vielleicht ja diesen „Trend“? Gibt der Trend allen, die nicht bereits mit ihren Chanel Sonnenbrillen und Jeremy Scott Sneakern Fotos von ihren Outfits auf Instagram posten und somit der Meinung sind, sie seien diejenigen, die wissen, was modisch grad geht, „angesagt“, „stylisch“ ist,  auch die Möglichkeit irgendwie ein Teil von diesem Zirkus zu sein? Ist Trend da vielleicht auch einfach das fehlende Element,  das die High Fashion plötzlich Down to Earth macht und somit allen Menschen, ob sie sich damit beschäftigen oder nicht, die Mode mundgerecht serviert?

Mode jedenfalls ist immer ein Spiegel, ein Spiegel der Zeit, der Bedürfnisse, der Wünsche, der Ängste, der Träume, der Persönlichkeit und Gefühle jener Menschen, die sie später auch tragen werden; Mode, ein textiles Manuskript des Weltgeschehens quasi. Designer wie Miuccia Prada, Karl Lagerfeld und Jeremy Scott sind seit einiger Zeit die einflussreichsten und erfolgreichsten Götter im Mode-Olymp. Jeder von ihnen arbeitet erfolgreich für mehrere Marken, eigene Labels oder für Modehäuser des obersten Preissegmentes. Ihr Erfolgsgeheimnis ist einfach, dennoch höchst komplex, ihnen gelingt es, den Zeitgeist aufzugreifen, sie schaffen es, die Lust an Mode, die Bedürfnisse und Wünsche der Menschen aufzuspüren und in mehreren Kollektionen pro Jahr umzusetzen.

Karl Lagerfeld ist also nicht grundlos berühmt oder gehypt, sodass er auch König Karl genannt wird, keiner schafft es so gut, das aktuelle Weltgeschehen in Form von fulminanten Defilées zu stilisieren, zu karikieren oder zu romantisieren. So zeigte er im Frühjahr 2014 in der Haute Couture Show in Paris – zur Erinnerung Haute Couture ist die mit Abstand teuerste und exklusivste, aufwendigste Mode – zu den Roben im Wert eines Einfamilienhauses, Sneaker, Sportschuhe, die damit eigentlich nichts zu tun haben. Aber wieso dieser Stilbruch zwischen Exklusivität und einem Element der Popkultur, dem Sneaker, den sich eigentlich jeder leisten kann und auch will?

Die Antwort ist relativ einfach. Die doch sehr erhabene Haute Couture, die glitzernden Roben, getragen von Models, die ungefähr den gleichen Taillenumfang haben wie die 21cm Absätze an ihren Schuhen, ist nicht mehr zeitgemäß. Unsere Zeit wird schneller, hektischer, stressiger, aber auch spontaner und emanzipierter, die Mode muss sich dem anpassen. Die Schnelllebigkeit des Alltags lässt sich nun mal besser in Sneakern erleben als in Absätzen, mit denen man gerne mal im Gullydeckel hängen bleibt und gar nicht mehr fabulös auf die Fresse fliegt.  Also kombiniert Lagerfeld die Ansprüche und den Nutzen, den Komfort der Sneaker mit dem Anspruch an Luxus, Exklusivität und einer Mode, die vielmehr Kunst ist und damit fast schon untragbar scheint.

Bei den Prêt-à-Porter Defilées (Modenschauen von Mode im Luxussegment auf internationalen Laufstegen präsentiert) zeichnen sich so jede Saison, jede Fashion Week wieder starke Tendenzen und Neigungen ab zu bestimmten Farben und Silhouetten, Stoffen und Materialen. Zunächst werden auf den internationalen Laufstegen die Kollektionen präsentiert, normalerweise ein halbes Jahr bevor die Boutiquen mit der Ware beliefert werden. Größere, preiswertere Modehäuser, irgendwann auch unser Discounter um die Ecke und deren hauseigene Trendscouts und Designer orientieren sich meist an den Defilees der Fashion Weeks und versuchen, diese natürlich in möglichst großer Zahl mit dementsprechend möglichst größtem Profit an die breite Masse zu bringen. Als Folge leidet die Qualität, somit auch die Optik, Haptik und Wirkung des Kleidungsstückes. Die Designs sind reduziert, weniger komplex, weniger gewagt und exponiert, aber durch eine clevere Vermarktung und der Betitelung als Trend doch sehr gefragt. Dieser „Trend“ ist also oftmals eine Marketingstrategie, den Massen wird suggeriert, was gerade zu tragen ist, um gesellschaftsfähig zu sein, um das Gefühl zu vermitteln, ein Teil der exklusiven Mode sein zu können.

Schauen wir uns die letzten Saisons an, so zeichnen sich hauptsächlich romantische, verspielte Looks ab, Rüschen, Volants, Spitze und florale Muster. Hosen sind ab dem Knie wieder ausgestellt, wie einst in den Siebzigern, und auch schmale Rollkragenpullover und Kleider aus fließenden, leichten Stoffen mit Blumen erinnern an dieses Jahrzehnt. Auch die sechziger mit einer reichen Musterung und kräftigen Farben sowie Colourblocking versprühen eine ähnliche Aura. Die nun wieder aufgegriffenen Jahrzehnte sind geprägt von gesellschaftlicher Umwälzung, Emanzipation, dem Streben nach einer freieren, friedvollen Welt, einem offenen Verständnis für Liebe und Sexualität und deren Vielfalt, jedoch auch für einen damit einhergehenden Optimismus, der Freiheit und Unabhängigkeit.

Diese prägenden Bedürfnisse und Hoffnungen und ein Stück Zeitgeist dieser Jahrzehnte lassen sich auch 2015 und 2016 noch finden, besser gesagt wiederfinden.  „Grenzen“, „Flucht“, „Terrorismus“ sind Schlagworte der letzen Monate, in diesen Zeiten der Krise, der Bedrohung, der Ungewissheit über die Zukunft und das Leben von Millionen, die auf der Flucht sind, wo Hoffnungslosigkeit und Verzweiflung ausströmen, da schafft Mode es vielleicht nicht, die Lösung dieser Probleme zu sein, doch sie erlaubt und ermahnt uns in der Zukunft, an das Positive zu glauben.

Florale Muster und fließende Stoffe verströmen eine Leichtigkeit und Natürlichkeit, die Rückbesinnung zur Natur, derer wir alle teilhaben und deren Faszination wir unterliegen. Spitze, Tüll und Chiffon umspielen den Körper und lassen hier und da, mal mehr mal weniger, Haut durchscheinen. Diese Emotionalität und Zärtlichkeit, hervorgerufen durch die Materialien sind geradezu eine Hommage an den Körper: Sie betont und romantisiert, Nacktheit hier und da ist nicht zwangsläufig als sexy oder „billig“ zu sehen, sondern als sinnlich und romantisch.

Elemente vergangener Jahrzehnte, von denen wir uns technisch, politisch und teilweise gesellschaftlich entfernt haben, zeigen dennoch, dass Bedürfnisse und Beklemmnisse jedoch gleich geblieben sind und zeigen so auch eine ähnliche Mode. Eine Mode, die nicht verneint, dass schlimme Dinge in der Welt geschehen, die jedoch etwas Zauber und positive Aura in die Welt zurückgibt. Nicht nur subversiv zeichnet sich Mode als Spiegel der Zeit, des Zeitgeistes, des Weltgeschehens ab, auch direkt sprechen Designer Missstände an. Vivienne Westwood und Karl Lagerfeld seien hier genannt, die Laufstege ihrer Defilées werden buchstäblich zum Schauplatz einer Demonstration, Taschen werden bedruckt mit Slogans und die Models zu Demonstrierenden. Designer und Labels versprühen nicht nur Hoffnung in der Gegenwart und für die Zukunft, auch aktuelle Anlässe fließen direkt in die Werke der Designer mit ein. Nicholas Ghesquiére, Creative Director des französischen Traditionshauses Balenciaga in den Jahren 1997 bis 2012 zum Beispiel.  Nach den Terroranschlägen des elften Septembers 2001 in New York verlegte er seine Modenschau für Balenciaga von Paris nach New York. Das französische Traditionsmodehaus, das seit mehreren Jahrzehnten fest in Paris etabliert ist, zeigt in jener Zeit, in der die meisten Menschen aus Angst diese Stadt meiden, gerade deswegen seine Modelle in New York. Hiermit demonstriert der Designer neben einer fulminanten Kollektion auch, dass er, stellvertretend für die Modewelt, und so auch für alle Menschen, sich nicht durch Terror zurückweisen lässt, sich nicht von Angst leiten lässt und somit das Leben nicht aufgibt. Diese Geste Ghesquières ist also eine lebensbejahende Hommage an eine Stadt, die gerade einem der größten Schreckensszenarien unterlegen ist.

Mode ist demnach etwas so Sensibles und Emotionales, ein textilgewordenes Konzept quasi. Dieses wird jedoch leider durch „Trends“ und die damit einhergehende Kommerzialisierung zu oft und zu schnell zerstört. Kaufhausketten orientieren sich an den Looks der großen Häuser, sie werden zitiert, vereinfacht und massenweise zu Spottpreisen unters Volk gemischt. Zeitschriften und Werbung in TV und Internet suggerieren nun, man müsse diese eine aktuelle Mode haben und  tragen, um gesellschaftsfähig, angemessen, chic, modisch, eben „Trend“ zu sein. Zwar wird durch „Trend“ die Mode den Massen zugänglich gemacht, jedoch oft auch, ob durch Marken gewollt oder ungewollt, aufgezwängt. Hier muss aber das eigene Verständnis angesprochen werden. „Wer bin ich?“, „Wer möchte ich sein?“, „Was soll ich anziehen?“, „Wie kleide ich mich richtig?“ auf diese Fragen scheint es einfach, sich dem Trend hinzugeben, im Strom der Masse mitzuschwimmen und darin zu versinken. Doch dabei bleibt oftmals die eigene Persönlichkeit, sofern vorhanden, das eigene Gespür für Mode und sich selbst, auf der Strecke. „Trend“ sollte deswegen nicht als strenges Modediktat, sondern vielmehr als „Gelegenheit“, als  „eine modische Laune“ gesehen werden. Entspricht die modische Laune der persönlichen, eigenen Laune, dann nichts wie los ins Kaufhaus, zur Modekette, in die Boutique oder auch zum Discounter, die Konten leer, den Kleiderschrank voll machen mit „Trend“. Doch ist der „Trend“ nicht nach dem persönlichen Geschmack, die Finger weg. Was bringt einem die vermeintliche Zugehörigkeit zu einer Gruppe, wenn dabei die Persönlichkeit unter einem Haufen Kleidung vergraben wird, genau dann wird das passieren, was nicht passieren soll: Mode sollte von Menschen getragen werden, nicht Menschen von Mode, vom „Trend“.

Die Frage „Trägt man das jetzt so?!“, die mir Kunden, Menschen auf der Straße, die netten Damen in Luxusboutiquen gestellt haben, habe ich immer beantwortet mit: „Man nicht, ich schon“, und es auch allen Kundinnen und Kunden gesagt, die wissen wollten, „ob das so geht“ oder „ob das Trend ist“ einfach nur mit: „Sie müssen sich wohlfühlen“ und vor allem, wie Papa Karl es schön auf den Punkt brachte mit: „Erlaubt ist, was gefällt.“ beantwortet.